Rede des 1. Bürgermeisters zur Verabschiedung von Theodor Schübel


Verabschiedung Theodor Schübel
Dank und gute Wünsche

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen. Diesen Satz von Mark Twain könnte man sicher auch auf das Halten von Reden anwenden. Mut zur Kürze, gerade wenn man wie heute den Auftrag hat, über einen Menschen zu sprechen, der bereits herausragende Literaturpreise erhalten hat, als von meiner Existenz noch nicht im Entferntesten die Rede war. Bei solchen Anlässen holt mich mein Alter halt doch immer wieder ein.

Doch der Vorteil von Schriftstellern ist – ähnlich wie bei Malern -, dass zwar die Menschen altern und sich verändern, die Werke jedoch Bestand haben. Insofern erlaube ich mir, ein paar Worte über das Werk von Theodor Schübel zu verlieren – auch wenn ich in diesem Kreis damit Eulen nach Athen trage – und mich zum Abschluss, entsprechend der Zeit unserer Begegnungen, kurz zum Menschen Theodor Schübel zu äußern.

„Mit einem Knall“, so beschrieb es Ralf Sziegoleit einmal, betrat Theodor Schübel die Bühne der angesehenen Theaterautoren, als er 1957 mit seinem ersten Stück DER KÜRASSIER SEBASTIAN UND SEIN SOHN den Gerhart-Hauptmann-Preis erhalten hat. Uraufgeführt wurde das Stück im angesehenen Berliner Schlossparktheater.

1960 der Wechsel vom Theater zum Fernsehen als Autor und Dramaturg der Bavaria-Film-Gesellschaft in München. 1963 dann der Absprung in die ersehnte Unabhängigkeit als „freier Autor“. Diese Betonung der Unabhängigkeit zieht sich in meinen Augen wie ein roter Faden durch die Reportagen und Interviews, die alten Presseberichten zu entnehmen sind – verbunden mit dem berechtigten Stolz, es geschafft zu haben.

Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut., formulierte Perikles vor vielen hundert Jahren. Und Mut hat es sicher gekostet, ein sicheres regelmäßiges Einkommen einzutauschen gegen den wechselnden und schwankenden finanziellen Erfolg als freier Autor.

Aber es hat funktioniert – und wie. Die große Zeit des deutschen Fernsehspiels – mir persönlich nur aus Wiederholungen bekannt – war eng mit dem Namen Theodor Schübel verbunden. Über 20 Drehbücher wurden verfilmt. 1977 erhielt er den DAG-Fernsehpreis in Gold.
Die bekanntesten Fernsehproduktionen gab es dann Anfang der 80 er Jahre: 1982 „Die Grenze“ - ausgezeichnet mit dem Jakob-Kaiser-Preis und 1983 die „Luther“-Verfilmung, über die das Goethe-Institut schreibt: „Ein lehrreicher und zugleich spannender Film - ein "Muß" für alle, denen Glaubensgeschichte nicht egal ist.“

Gegen die Kommerzialisierung des Fernsehens hat Theodor Schübel eine Abneigung. Seine Ausflüge in die leichtere Unterhaltung mit Krimifolgen für „Achtung Zoll“ und andere sind daher die Ausnahme. Der Erfolg blieb aber auch hier nicht aus: für den Tatort „Alles umsonst“ notiert der offizielle Tatort-Fundus im Internet 49 % Einschaltquote und bislang sechs Wiederholungen! Davon könne heutige Produktionen nur träumen.

Dem Theater hielt er dennoch immer die Treue. Acht Schübel-Premieren zählt alleine die Luisenburg, darunter auch mehrere Kinderstücke, sowie eine Komödie nach Dumas´ “Die drei Musketiere“ oder den übersetzten und bearbeiteten „König Heinrich IV.“ von Shakespeare.
Das Ohnsorg-Theater Hamburg wollte mit Schübel-Stücken weg vom Schwank-Image hin zur „guten Komödie“. Zahlreiche Stücke wurden und werden vom Fernsehen übertragen, werden ins Plattdeutsche übersetzt und an zahlreichen Bühnen deutschlandweit gespielt.

In den letzten Jahren waren es mehr und mehr Romane, die Theodor Schübel beschäftigten und weiter bekannt machten. Allesamt bei angesehen Verlagsanstalten erschienen, wie z.B.  „Vom Ufer der Saale“ im renommierten Siedler-Verlag, „Kellerjahre“ und „Damals im August“ im Verlag Droemer-Knaur.

Gerade das 1992 erschienene Tagebuch „Vom Ufer der Saale – Geschichten aus der Zwischenzeit“ bietet dem Leser in meinen Augen einen guten Einblick auf den Stil Theodor Schübels: ein exzellenter Zuhörer und Beobachter, der die Realität beschreibt statt zu Fantasieren, Dinge sieht, die dem oberflächlichen Menschen verborgen bleiben, zum Nachdenken anregt ohne Botschaften verkünden zu wollen oder Ideologien zu vertreten.
Das Thema des Buches – die Ost-West-Thematik – ist sicher naheliegend für einen Menschen, der nur einen Steinwurf vom eisernen Vorhang entfernt lebt. 
Seine Heimatstadt Schwarzenbach wurde in dieser Zeit zum „Mikrokosmos der deutschen Geschichte“, wie es dem Klappentext zu entnehmen ist.

Boris Pasternak hat einmal geschrieben: „Literatur ist die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen.“

Zweifelsohne ist „Vom Ufer der Saale in diese Kategorie einzuordnen.

Dieses Gewöhnliche – ohne es abwertend zu sehen - entdeckte Theodor Schübel immer wieder in seinem Heimatort, dem er wohl auch deshalb treu geblieben ist. „Das Leben in Schwarzenbach ersetzt ein Studium der Soziologie“ hat er in einem Interview einmal gesagt und bei der Rede anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechts gab er zu, dass in jedem Werk ein Stück Schwarzenbach steckt.

Meine erste Begegnung mit der Person Theodor Schübel hatte ich am 3. Oktober 1990, beim Festakt zur Deutschen Einheit in der Aula unserer Grundschule. In ihrem Tagebuch „Vom Ufer der Saale“ notieren sie für den 3. Oktober
„Heute war ein ungewöhnlich sonniger Tag. Am Mittag holten wir die Liegestühle und legten uns in den Garten. Am Nachmittag ökumenischer Gottesdienst in der St. Franziskuskirche, dann pflanzten die Schwarzenbacher Bürgermeister vor der Jean-Paul-Schule eine Linde. Danach Feierstunde in der Aula. Meine Rede. Später Abendessen im Gasthof.“

Alle, die bei dieser Feierstunde dabei waren, werden bestätigen, dass diese zwei Worte „Meine Rede“ natürlich nicht im Entferntesten beschreiben, was tatsächlich zu hören war. Nicht dramatisierend, aber bewegend war diese Rede und voller Wahrheiten, die viele erst Jahre später realisiert haben und manche heute schon wieder vergessen haben. Es tut gut diese Rede und ihr Buch „Vom Ufer der Saale“ von Zeit zu Zeit mal in die Hand zu nehmen, um zu begreifen und zu würdigen, was vor vierzehn Jahren eigentlich passiert ist.

Fasziniert hat mich später eine sehr persönliche Aussage von ihnen bei der Ernennung zum Ehrenbürger: „Wohin ich wollte, wusste ich immer, nur wie komme ich hin?“
So selbstverständlich dieser Satz aus ihrem Mund klang – ich weiß nicht, wie viele Menschen dies von sich behaupten können. Und das in einem Beruf, der so viele verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Wenn Theodor Schübe seine Heimat einmal verlassen hat, so war es – wieder ziehe ich meine Informationen aus Zeitungsberichten – der Wunsch, Neues kennenzulernen, ein anderes Umfeld zu erleben, beobachten, zuhören, aufnehmen. Wieder einmal eine andere Sprache zu sprechen.

Das überschaubare kulturelle Angebot der Region, insbesondere die fehlenden Gesprächspartner für den geistigen Austausch – nicht für den belanglosen Small Talk -, die für einen Schriftsteller so wichtig sind: ich hatte schon den Eindruck, dass es auch deshalb den ein oder anderen Ausbruch aus unserer Kleinstadt gab. Wie gerne hätte er mit einem wie Jean-Paul mal ein Glas Bier getrunken, diskutiert.

Zumindest entdeckt die Stadt Jean-Paul wieder neu für sich, beschäftigt sich mit seinem Leben und, Herr Schübel, sie werden es nicht glauben: es soll sogar welche geben, die ihn lesen.
Aber auch allzu menschliche Gründe für einen Aufenthalt im Ausland glaube ich, aus unsere Gesprächen herausgehört zu haben: das Klima des Genfer Sees ist ab und zu doch ganz angenehm, wenn man das raue oberfränkische Klima einmal satt hat. Und so sah man nach solchen Aufenthalten vor sich einen – trotz Krankheit – meist leicht gebräunten und erholt aussehenden Menschen. Wieder voller Tatendrang und Elan, den – wie er selbst einmal sagte – die Leidenschaft, Manie und unheilbare Krankheit des Schreibens immer noch nicht loslässt.

Lieber Herr Schübel,
ihr Engagement in und für ihre Heimat hat neben der Stadt Schwarzenbach mit der Ernennung zum Ehrenbürger auch der Fichtelgebirgsverein mit dem Kulturpreis 1992 und der Bezirk Oberfranken mit der Ehrenmedaille des Bezirks 1993 gewürdigt.

Im Namen des Stadtrates und aller Schwarzenbacherinnen und Schwarzenbacher wünsche ich ihnen für die Zukunft alles Gute! Wir haben vollstes Verständnis für ihre Entscheidung, aus gesundheitlichen Gründen die räumliche Nähe zur Familie zu suchen und hoffen, dass sie sich in ihrer neuen Heimat gut einleben.
Zur optischen Erinnerung an Schwarzenbach darf ich ihnen gleich noch ein Bild des Schwarzenbacher Malers Herbert Schildbach überreichen, das den Blick vom Saalesteg auf Kirche und Pfarrhaus zeigt. Dem Pfarrhaus, in dem bereits Jean-Paul seine ersten Schriftstücke verfasste. Der schrieb einmal: „Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde.“

Lieber Herr Schübel,
schreiben sie noch viele Briefe und kommen sie uns oft besuchen. Die Türen dieser Stadt stehen für ihren Ehrenbürger Theodor Schübel immer weit offen.

 

 

Stand der Informationen: 04.10.2016